• Liebe Denise,


    ich verfolge gerade den thread zum Thema "Stillrheuma" im Bereich stillen und Ernährung.


    Nun habe ich einige Fragen, die Du bestimmt am besten beantworten kannst:
    und zwar zur Inzidenz und Diagnostik von Stillrheuma. Was genau bezeichnet man eigentlich als Stillrheuma?
    Kommt es wirklich so häufig vor?
    Wie wird die Diagnose gesichert?
    Handelt es sich hier um prolaktinabhängige Veränderungen der Bänder/Muskulatur/Gelenke, bzw. was sind die genauen Ursachen hierfür?


    Viele Fragen auf einmal, ich denke die Antwort hierauf wird für viele Forenuserinnen interessant sein.


    LG und vielen Dank im voraus für deine Bemühungen


    Kati

    Nichts ist so gewöhnlich, wie der wunsch außergewöhnlich zu sein (Shakespeare)

  • Liebe Kati,


    Still-Rheuma (Morbus Still) hat überhaupt nichts mit dem Stillen zu tun, der Name stammt von einem englischen Kinderarzt. Es handelt sich um eine juvenile rheumatische Erkrankung (deshalb ist der Namensgeber auch Kinderarzt), eine ziemlich üble Sache (früher sind die meisten Kinder nicht viel älter als 10 Jahre geworden), die bereits im frühkindlichen Alter beginnt, lange bevor eine betroffene Patientin jemals auch nur einen Gedanken an das Stillen verschwenden würde, denn die ersten Schübe beginnen meist im Alter zwischen einem und drei Jahren.


    Was in der letzten Zeit immer wieder mal unter dem Begriff ?Still-Rheuma? durch Stillgruppen und Stillforen geistert ist jedenfalls etwas ganz anderes. Es gibt kein Still-Rheuma in dem Sinne, dass die Erkrankung durch das Stillen ausgelöst würde. Was es gibt, ist ein Zusammenhang zwischen Gelenkschmerzen und Stillen bei einigen wenigen Frauen.


    Es wird angenommen, dass es sich um eine genetisch beeinflusste Autoimmunreaktion handelt, die sich bereits in der Schwangerschaft zeigen kann und nach der Geburt wieder zurückgeht. Betroffene Frauen, die ihr erstes Kind stillen, spüren diese Symptome, insbesondere an Händen und Fingern. Möglicherweise hängt das mit dem erhöhten Prolaktinspiegel zusammen (es wurde schon verschiedentlich ein erhöhter Prolaktinspiegel bei Autoimmunerkrankungen festgestellt, auch bei Patienten mit rheumatischer Arthritis). Beim Stillen weiterer Kinder, so wird berichtet, lassen die Symptome nach. Für die Mutter ist es hilfreich, sich so oft wie möglich auszuruhen, mehr im Liegen zu stillen, Hände, Arme mit Kissen während des Stillens zu stützen.
    In diesem Fall können bestimmte gymnastische Übungen, regelmäßig ausgeführt, lindernd wirken. Eventuell ist auch eine Behandlung mit einem Antirheumatikum anzuraten.


    In Lawrence und Lawrence ?Breastfeeding: A guide for the medical profession? wird das Thema rheumatische Arthritis und andere Bindegewebserkrankungen ebenfalls diskutiert. Auch hier wird von einem möglichen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von rheumatischer Arthritis und einem erhöhten Prolaktinspiegel gesprochen und dass es Studien gibt, die einen solchen Zusammenhang aufzeigen. Dabei wird eine Studie erwähnt, bei der, wie auch oben schon erwähnt, ein höheres Risiko bei Erstgebärenden, ein geringeres Risiko bei Zweitgebärenden und kein zusätzliches Risiko bei Drittgebärenden angegeben wird. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass die Evidenz dafür, dass Reproduktionsvorgänge (also Schwangerschaften und Stillen) als Risikofaktor für das Auftreten von rheumatischer Arthritis widersprüchlich ist ?die Rolle von Parität, Alter bei der ersten und letzten Geburt sowie Alter bei der ersten Menstruation sowie der Menopause zeigten keinen Zusammenhang mit rheumatischer Arthritis. Es wurde jedoch ein schützender Effekt des Stillens festgestellt, der jedoch dosisabhängig in Bezug auf die Stilldauer ist?.


    In einer Studie aus 2004 (Karlson et al.: Do breast-feeding and other reproductive factors influence future risk of rheumatoid arthritis??) wurde beschrieben, dass Frauen, die insgesamt mehr als 24 Monate Stillen, ihr Risiko für eine rheumatische Arthritis um 50 % senken. An dieser Studie nahmen insgesamt mehr als 120.000 Frauen teil.


    Eine mögliche Erklärung für die Beschwerden, die gehäuft bei (stillenden) Müttern auftreten, könnte jedoch einen ganz anderen Hintergrund haben, der überhaupt nichts mit dem rheumatischen Formenkreis zu tun hat: Mütter, die mit ihrem Kind zusammen schlafen, liegen unter Umständen über längere Zeitabschnitte in nicht unbedingt optimalen Stellungen im Bett und das wiederum führt zu Fehlbelastungen und Verkrampfungen. Das häufige Tragen der Kinder (auch nicht immer und unbedingt orthopädisch korrekt) ist eine weitere Belastung für Muskeln und Gelenke. Frau fühlt sich aus o.g. Gründen ?wie gerädert? und hat Symptome wie Morgensteifigkeit usw. Dann hat sie irgendwann oder irgendwo etwas von ?Stillrheuma? gehört oder gelesen und ist überzeugt, ebenfalls daran zu leiden.


    Liebe Grüße
    Denise

  • Liebe Denise,


    da möchte ich mich doch gerne mal dranhängen. Ich habe seit der Geburt (schubweise?) mal mehr, mal weniger Schmerzen in mal einem, mal dem anderen Bein/ Fuss bzw. Arm. Es war mal ein kribbeln, mal eher wie wenn einem ein "Schreck durch die Knochen fährt". Ab und an bin auch nachts mit Schmerzen in den Beinen aufgewacht. Am Anfang hatte ich das Gefühl, dass es oft nach dem Stillen aufgetreten ist. Jetzt ist der kleine murkel ja schon 2,5 Jahre und seit ca. 2-3 Monaten habe ich den Eindruck, dass es besser wird.
    Neurologisch ist alles komplett abgeklärt, samt Kernspin; nix zu finden. Es ist auch nicht gleichmässig über den Tag verteilt, mal mehr, mal weniger, mal gar nicht.


    Kann das mit dem Prolaktinspiegel zusammenhängen? Der kleine stillt/ nuckelt noch "oft", sprich morgens, mittags, nachmittags, abends, nachts :). Wo könnte ich mehr darüber finden? Ich hätte so gerne ein zweites Kind, habe aber Sorge, dass dann alles wiederkommt bzw. schlimmer wird oder nie wieder weg geht :(.


    Ich habe übrigens in der Schwangerschaft 300-600 mg Mg genommen wegen zuckender Beine. Weil das woanders auch mal erwähnt wurde.


    Liebe Grüße,
    murkel

    Nur eines nimm von dem, was ich erfahren:
    Wer du auch seist, nur eines – sei es ganz!
    (mascha kaleko)

  • Liebe Murkel,


    bereits nach einem halben Jahr unterscheiden sich die Hormonwerte einer stillenden Frau nicht mehr großartig von einer nicht stillenden Frau, es ist also eher unwahrscheinlich, dass hier ein Zusammenhang besteht.


    Liebe Grüße
    Denise

  • Liebe Denise,


    ich bin jetzt durch eine Frage im Stillforum auf diesen Beitrag gestossen.


    Unmittelbar nach der Entbindung traten bei mir starke Schmerzen in den Handgelenken auf. Nach 3 Wochen nahm ich NeoVin Tabletten und die Schmerzen waren nach 4 Tagen gänzlich verschwunden.


    Diese Tabletten habe ich bisher immer nur dann genommen, wenn die Schmerzen autraten und sie gingen wieder weg.


    Nun stille ich seit über 5 Jahren und habe seit 1 Woche trotz NeoVin Schmerzen in den Handgelenken und Fingerknochen.


    Hat das deiner Meinung nach etwas mit Stillen zu tun, oder könnte es auch der Stress der letzten Zeit sein. Ich hab auch ziemlich an Gewicht verloren deswegen, ess aber irgendwie auch eher sporadisch (Besserung in Sicht :)).


    Lieben Dank schonmal
    Anett


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    LG Anett

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  • Hallo an alle, die das Thema Stillrheuma interessiert bzw. selbst betroffen sind:


    Ich kann jetzt nur aus eigener Erfahrung berichten:
    Mitte Oktober 2009 kam mein zweites Kind zur Welt;
    1,5 Wochen nach der Geburt hatte ich eine (unbehandelte) Brustentzündung und von da an ständig Infekte (Erkältung, Grippe) und plötzlich entwickelte ich rheumaartige Symptome.
    Anfangs nur leicht, aber Tag für Tag wurde es schlimmer, bis ich mich irgendwann (das ganze dauerte ungefähr vom ersten deutlichen Auftreten bis zum "Höhepunkt" knapp zwei Wochen) nur noch unter Schmerzen bewegen konnte und meine Kinder komplett von meinem Mann versorgt werden mussten. Mir tat jedes Gelenk weh, dass man sich vorstellen kann: Knie, Schultern, Arme, Hände, Finger etc. Das An- und Ausziehen wurde zur Qual, ja selbst die Bettdecke zu heben ging nicht ohne Schmerzen.
    Besser wurde es immer erst ab Mittag, nachts und beim Aufstehen waren meine Gelenke richtig steif.
    Anfangs dachte ich auch, das kommt vom Stillen, obwohl weder eine Stillberaterin noch meine Hebamme jemals was davon gehört hatten.
    Nun gut: Habe zeitgleich einen ziemlich grossen Knoten in meiner rechten Brust entdeckt. Die Geschichte dauert noch etwas länger (Verdacht auf Tumor...), was ich Euch ersparen will.
    Das Ende vom Lied war jedenfalls, dass ein Frauenarzt vermutete (aufgrund meiner Symptome und der vorausgegangenen Brustentündung), dass es sich bei dem Knoten um einen Abszess handelt, der möglicherweise meine extremen Gelenkschmerzen auslöste.
    Er hat mir in die Brust gestochen und mittels einer Spritze ca. 10 ml Eiter abgezogen.
    Einen Tag später hatte ich nur noch in den Knieen Gelenkschmerzen, drei Tage später war ich komplett Schmerzfrei!
    Bei mir wurde das "Stillrheuma" also ausgelöst durch hohe Entzündungswerte im Blut und nicht durch das Stillen.
    Es könnte also sein, dass bei einigen Frauen das der Auslöser für die Gelenkbeschwerden ist - es muss ja nicht gleich so krass sein wie bei mir, aber es wäre bestimmt sinnvoll die Entzündungswerte im Blut überprüfen zu lassen.


    Liebe Grüsse,
    inchen