Wie repariert man ein Kind?

  • Wie und wo fange ich an?
    Um zu erklären, was ich wissen möchte, muss ich etwas weiter aufholen, ich befürchte, es wird dadurch etwas länger - falsch sehr lang – bitte entschuldigt. Leider kann ich es auch nicht durch fett/kursiv oder Einrückungen strukturieren.



    Ich wurde ziemlich jung, aber gewollt schwanger.
    Ich befand mich damals noch in meiner Ausbildung, allerdings relativ kurz vor Ende. Mein Mann hatte keine feste Arbeit.
    Heute weiß ich, dass es sehr naiv war, aber damals erschien mir (uns) die Idee gut, dass er mit Kind zu Hause bleibt, ich meine Ausbildung beende und wir dann gemeinsam wegziehen, dorthin, wo es Arbeit für uns beide gibt.

    Damals war ich bereits 4,5 Jahre mit dem KV zusammen. Die Schwangerschaft war zu Beginn problemlos, doch ab der 20.SSW wurde es sehr schwierig. Wehen, Krankenhaus, monatelang Liegen, Frühgeburt, Intensivstation, Schreikind, gesundheitliche Probleme beim Kind.
    Der KV konnte oder wollte sich nicht wirklich um das Baby kümmern. In Verbindung mit der langen Zwangspause in der Schwangerschaft und der gesundheitlichen Probleme beim Baby musste ich meine Ausbildung unterbrechen.


    Die Beziehung zum KV hat noch ca. 2 Jahre "gehalten", dann habe ich einen Schlussstrich gezogen, da er sich in keinster Weise einbrachte in Haushalt, Kinderbetreuung/-erziehung und auch keine Arbeit suchte. Statt dessen saß er nur vor dem PC und zockte Ballerspiele.
    Die finanzielle Situation war -vorsichtig ausgedrückt- sehr schwierig.


    Bei mir wurde ca. 6 Monate nach der Geburt vom Hausarzt eine Postpartale Depression festgestellt. Ich weiß nicht, ob es das wirklich war, oder einfach nur ein absolutes BurnOut, oder ganz was Anderes. Ich hatte über mehrere Jahre Selbstmordgedanken, 2 dilettantische Versuche, verletzte mich selber, fiel immer wieder in Phasen, in denen ich nichts Essen konnte und abnahm, konnte mich teilweise nur schwer um mein Kind kümmern.


    Es dauerte etwas ein Jahr, bis ich eine erste Therapie fand. Diese war jedoch nicht hilfreich, wodurch ich dann ein knappes Jahr später wechselte und dort dann wirklich wieder "auf die Beine" kam. Insgesamt war ich etwa 4 Jahre in psychotherapeutischer Behandlung.


    So, nach langer Vorrede jetzt langsam mal zum eigentlichen Problem:
    ich selber bezeichne mich mittlerweile als stabil.
    - Therapie wurde für mein Empfinden erfolgreich abgeschlossen und ich weiß um meine Baustellen und wie ich damit umgehen muss.
    - Ausbildung beendet.
    - Arbeit gefunden.
    - Schulden abbezahlt.
    - Einvernehmliche Besuchsregelung mit dem KV (ich bin weggezogen, er ist dort geblieben).




    Aber mein Kind hat große Probleme.
    Es ist jetzt 7 Jahre. Kreativ, aktiv, intelligent, kommt vom Stoff in der Schule problemlos mit, spielt gern, ging gern in den Kindergarten und jetzt in den Hort, hat ein paar Freunde...


    Aber:
    - es trotzte viele Jahre lang _extremst_. Etwa von 1,5 bis 6 Jahre! Und hat immernoch eine sehr geringe Frustrationstoleranz.
    - Es zeigt selbstverletzendes Verhalten (kratzt immer wieder Flecken auf am Körper, bis sie bluten. Hat schon schlimme Narben).
    - Zeigt im Umgang mit Kindern oft sehr unschöne Tendenzen. Will immer Bestimmen, ist sehr aggressiv im Tonfall und im Verhalten: piekst, haut, tritt Kinder einfach unvermittelt, ärgert immer wieder, ohne sich davon abbringen zu lassen,...
    - Läßt sich auch von Erwachsenen (Lehrer, Erzieher) nichts sagen, schaut stattdessen absichtlich weg, oder wiederholt das, was es unterlassen soll absichtlich provokant nochmal …
    - durch diese beiden oberen Punkte gibt es in der Schule sehr große Probleme, es steht vermutlich ein „Elternbrief“/Verweis (so genau weiß ich grad nicht, Gespräch kommt noch) an.
    - Umarmt fremde Erwachsene (neue Erzieherinnen, neue Lehrerinnen) einfach. "Schmeißt" sich diesen eigentlich fremden Frauen also quasi um den Hals. (aber nur im Begrenzten Rahmen: Schule, Kindergarten, Hort, Familienfeiern - nicht in der Öffentlichkeit)
    - ... mehr fällt mir gerade nicht ein. Aber irgendwas war noch.




    ICH weiß, warum.
    Es hat definitiv eine gestörte Bindung und ist Traumatisiert durch die frühe Kindheit.
    Eine Mutter, die viel zu sehr mit sich und ihren Problemen beschäftigt war, geistig ständig wo anders, nicht so reagierte, wie es für eine Erziehungs- und Bezugsperson sein sollte.


    Schon die Schreimonate waren sehr schwer. Durch die plötzliche frühe Geburt und die Entfernung zum Kind (Intensivstation) hatte ich lange das Gefühl: "Das ist nicht mein Kind" bzw. "mein Bauchbaby ist weg".
    Dann das schreiende Kind, was ich mit Mühe als „mein“ bzw. zu mir gehörend akzeptierte. Dadurch hatte ich oft nur noch sehr aggressive Gefühle, Aversion gegen das Baby.


    Mit der Trotzphase kam das dann alles wieder zurück und wurde noch schwerer. Weder konnte ich geduldig bleiben, noch hatte ich ausreichend Nerven, um es einfach auszuhalten. Ich empfand das Verhalten als direkten Angriff auf mich.
    Ich habe mein Kind damals oft angeschrien. Teilweise geschlagen. Wenn es etwas nicht wollte (z.B. Treppe hochgehen, weiterlaufen), habe ich es einfach gepackt, auf meine Hüfte gesetzt und bin losgelaufen. Allerdings habe ich dabei meinem ganzen Unmut und meiner Aggression Luft gemacht, indem ich vor mich hingeflucht habe, in ganz schlechten Momenten auch das Kind beschimpft und ganz fest am Bein gepackt/gezwickt das Bein hält man beim Tragen auf der Hüfte sowieso).


    Ich hatte damals ständig Angst, dass jemand kommt und mir mein Baby, später Kind, wegnimmt, da es so oft schrie, später ständig trotze (und somit schrie).
    Ich war mehrfach bei der Erziehungsberatung, aber von dort bekam ich keine Hilfe, die ich anwenden konnte, denn wissen tat ich ja alles – aber zwischen Theorie und Praxis...
    Des öfteren überlegte ich, ob es nicht besser wäre, das Kind „wegzugeben“. Einmal, als es wieder besonders schlimm war, bin ich sogar heulend, mit Kind hinter mir her ziehend, zum Jugendamt gelaufen: eine einzige Frau war dort und die sagte nur, ich solle morgen wiederkommen, denn an dem Tag waren nur Außentermine.
    Gleichzeitig war mein Kind aber auch der einzige Grund, warum ich nicht ernsthaft versuchte, mich umzubringen, sondern frühs doch immer wieder aufgestanden bin.




    So. Nun zur Frage aus der Überschrift: „Wie repariert man ein Kind?“
    Ich weiß, was ich alles falsch gemacht habe. Aber die Zeit ist vorbei, nicht mehr Rückgängig zu machen, so gern ich es auch wollte.


    Wie lassen sich diese Schäden/Trauma/Beziehungsfehler, die ich meinem Kind angetan habe, wieder heilen?
    Was läßt sich da tun?
    Was kann man ganz genau tun gegen: sehr geringe Frustrationstoleranz, Aggressives und oppositionelles Verhalten, Selbstverletzung.


    Ich glaube nicht, dass ich dazu in der Lage bin, zu jemandem zu gehen und zu sagen: „ich habe mein 2,3,4jähres Kind angeschrien, geschlagen, beschimpft und gekniffen.“ DAS kann ich nicht. Es geht einfach nicht.


    Deshalb möchte ich bitte wissen:
    - gibt es Möglichkeiten?
    - was kann ich tun?
    - welche externen Therapien gibt es?
    - Literaturempfehlungen?
    - … irgendwelche anderen Tipps, Hinweise, Hilfen, wie ich meinem Kind helfen kann.


    Danke fürs Lesen, Antworten, Helfen.
    Anonym

  • Hallo, liebe Anoyme!


    Lange Geschichten brauchen lange Beiträge, so ist das. Und deine Geschichte dauert nun schon sieben Jahre, ich vermute eher länger, denn sicher hat das alles auch viel damit zu tun, was du selbst erfahren hast. Es ist gut zu lesen, dass du dich um dich gekümmert hast und viel bearbeiten konntest.


    Es tut mir leid, dass ihr beide es so schwer hattet, und dass du so wenig Hilfe bekommen hast, die dir direkt geholfen hätte im Umgang mit deinem Kind. Ich kann gut nachvollziehen, dass du jetzt das Bedürfnis hast, etwas zu tun, vor allem für dein Kind.


    Natürlich gibt es psychotherapeutische Hilfe auch für Kinder. Du könntest zunächst eine Erziehungsberatungsstelle aufsuchen und dir dort weiter helfen lassen. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass durch die Geburtsumstände auch andere Probleme entstanden sind, da könnte ein SPZ eine Hilfe sein. Gibt es so etwas in deiner Nähe?


    Ich möchte dich sehr ermutigen, durchaus zu berichten, wie du eure ersten Jahre in der Rückschau siehst. Es ist ein wichtiger Schritt auch deinem Kind gegenüber, dass du die Verantwortung übernimmst. So schwer und schmerzhaft das auch ist.


    Schau doch einmal hier http://www.dajeb.de nach Hilfsangeboten in eurer Nähe und sonst kannst du mir gerne eine PN schicken.


    Alles Gute für euch beide!

  • Schade,das Du hier so nicht erreichbar bist.Würde mich sehr gerne mit Dir austauschen...Alles Gute für Dich und Dein Kind!


    Wenn Du den Mut hast,kannst Du mir sehr gerne eine PN schreiben.